VfL Wolfsburg – Hannover 96 (rote Karte nach Ballwurf)
Torreich und dramatisch geht’s oft zu im Niedersachsen-Derby der Fußball-Bundesliga zwischen dem VfL Wolfsburg und Hannover 96, so auch am vergangenen Wochenende. Felix Magaths Mannschaft behält mit 4:1 klar die Oberhand über Mirko Slomkas Hannoveraner – aber diskutiert wird seitdem nicht über das Ergebnis, sondern über die rote Karte in der 57. Minute für den 96er Didier Ya Konan. „Zu hart, eine gelbe Karte hätte gereicht“, meckern die einen. „Rot war nach dem gezielten Ballwurf genau richtig“, sagen die anderen.
Was ist in der 57. Minute geschehen – und zur Bewertung der Szene muss man ganz genau hinschauen: Eckstoß für Hannover, es gibt am Wolfsburger Tor ein ganz kleines Gerangel um den Ball, und der Ivorer Ya Konan, Nationalspieler der Elfenbeinküste, ist mittendrin – das war schon mal unnötig.
Als Ya Konan den Ball hat, steht er am Torraum, wirft das Leder mit beiden Händen in Richtung des 17 Meter entfernten, leicht verletzt am Boden sitzenden Wolfsburger Akteur und japanischen Nationalspieler Makoto Hasebe und trifft ihn am Kopf. Elfenbeinküste trifft Japan, im wahrsten Sinne des Wortes. Schiedsrichter Deniz Aytekin vom Turn- und Sportverein Altenberg in Mittelfranken, 33 Jahre alt, ein erfahrener Bundesliga- und FIFA-Referee, steht unmittelbar daneben und zückt ohne Zögern den roten Karton.
In den Fußball-Regeln fällt Ya Konans Aussetzer unter die Rubrik „Vergehen durch Werfen von Gegenständen (inkl. Ball)“, wie es so schön im Amts-Regeldeutsch heißt.
Wer sich die Szene genau anschaut, sieht, dass Ya Konan nach dem Gerangel schon ein wenig gereizt wirkt. In der Spielruhe hat er den Ball, blickt in Richtung Hasebe und wirft die Kugel auch mit ziemlicher Intensität auf den am Boden sitzenden Gegenspieler. Zur Eckfahne, wo der Eckstoß ausgeführt werden musste, sollte dieser Ball sicherlich nicht gehen.
Auch nach mehrfachem Anschauen der Situation – eine Möglichkeit, die Schiedsrichter Aytekin nicht hat – sieht es schon ziemlich gewollt aus, dass Ya Konan mit Blick auf seinen Gegner den Ball genau dorthin schmettert. Insofern ist es voll und ganz nachvollziehbar und auch nach Zeitlupenanalyse vertretbar, dass Denis Aytekin diese Situation als grobe Unsportlichkeit wertet und Ya Konan die rote Karte zeigt.
Ja klar: Es war keine üble Grätsche von hinten in die Beine, es war auch kein Faustschlag ins Gesicht des Gegners; es war also keine „dunkelrote“ Karte, sondern eher eine „hellrote“, auch wenn es diese Unterscheidung im Fußball-Regelwerk natürlich nicht gibt.
Den Unterschied zwischen den Vergehen legt eine andere, unabhängige Spielinstanz (Spielausschuss, Sportgericht) fest, wenn es nämlich über die noch folgende Strafe geht. Die ist erfahrungsgemäß bei einer Blutgrätsche von hinten mit Verletzung schärfer als bei einem Ballwurf an den Kopf, der zum Glück keine weiteren Folgen hatte. Aber das ist nicht die Aufgabe des Unparteiischen, der eine Situation in Bruchteilen von Sekunden zu bewerten und danach zu entscheiden hat. Ya Konan wurde gestern vom DFB für eine Partie gesperrt.
Übrigens: Solche Entscheidungen des Schiedsrichters, seien sie richtig oder falsch, sind endgültig, wie die FIFA betont und wie es sogar im Fußball-Regelwerk steht. Es sind so genannte „Tatsachenentscheidungen“, die der Unparteiische nach seiner eigenen Wahrnehmung trifft. Denn alle, die vom Fußballsport etwas verstehen, wissen: Wenn jede umstrittene (und auch richtige) Schiedsrichterentscheidung später vor dem Sportgericht diskutiert werden würde, dann wären wir auf Kreisebene vermutlich noch bei der Verhandlung der Begegnungen von 1926.
Fakt ist und bleibt: Es gab in Wolfsburg ein relativ heftiges, gezieltes Anwerfen in einer Spielruhe, dessen Folgen zum Glück durch die relativ weite Distanz (17 Meter) gemindert wurden. Solche Szenen will niemand im Fußballsport sehen – nicht in der Bundesliga, und auch nicht in unseren Spielen im Kreis Uelzen. Und wer sich so verhält, muss damit rechnen, vom Platz zu fliegen. Ya Konan wird’s nun wissen – und Hannover 96 bestimmt demnächst auch wieder gewinnen.
An der roten Karte hat die Niederlage gewiss nicht gelegen, aber das haben die 96er um den in der Branche als ausgesprochen fair geltenden Trainer Mirko Slomka auch selbst eingesehen.
Marco Haase
http://www.az-online.de/regionalsport/landkreis-uelzen/ballwurf-folgen-1500087.html