Das „klare“ Ibisevic-Foul
Für alle diejenigen, die seit Jahren den intensiven Einsatz „technischer Hilfsmittel“ in den Fußball-Profi-Ligen fordern, um zumindest im Zusammenhang mit Torerzielungen mögliche Fehlentscheidungen zu vermeiden, bot die schwer umkämpfte Bundesliga-Partie zwischen Nürnberg und Hoffenheim hoffentlich lehrreichen Anschauungsunterricht. Sechs gelbe und zwei rote Karten, viel Kampf und Krampf, zahlreiche gerade noch erlaubte oder schon verbotene Zweikämpfe – Schiedsrichter Dr. Jochen Drees hatte es nicht leicht, dennoch leitete er gut – und das auch ohne „technische Hilfsmittel“.
In der 39. Minute setzte sich Hoffenheims Ibisevic im Mittelfeld gegen Nürnbergs Wollscheid durch, spielte den Ball nach links raus, spurtete in die Mitte und köpfte die Flanke zur Hoffenheimer 1:0-Führung ein. Einige Zuschauer im Stadion oder an den Fernsehschirmen wollten nun ein „Foulspiel“ von Ibisevic an Wollscheid ausgemacht haben. Nun gut, schaun mer mal, was die Fernsehbilder sagen…
• Sender Nr. 1, Liga total, HD-Live-Konferenz: Gefühlte 100mal wird der Zweikampf zwischen Ibisevic und Wollscheid von vorn und von hinten, von der Seite, von rechts, von links, von oben, von unten und sonstigen Perspektiven wiederholt – mal langsamer, mal schneller. Erst dann ist der, zunächst ein wenig zögernde, Reporter sicher: „Für mich ist das kein Foul.“ (Wobei sich – interessanterweise – die Analysen der verschiedenen Liga-total-Kommentaren vorübergehend deutlich unterscheiden – je nachdem, welchen Kanal man wählt: die Konferenz, die „Highlights“ oder das ganze Spiel…)
• Sender Nr. 2, ARD-Sportschau: Gezeigt wird eine völlig unscharfe Zeitlupe, auf der man rein gar nichts erkennt. Es gibt allerdings eine Fortentwicklung gegenüber Liga total: Die unscharfe Szene wird umkreist. Mehr sehen kann man dadurch nicht. Einzig und allein der Reporter im Ersten ahnt: Ibisevic „scheint“ seinen Gegner Wollscheid „zu checken“. Es „scheint“ also etwas gewesen zu sein, das Dr. Jochen Drees hätte ahnden „müssen“. Ah, ja…
• Sender Nr. 3, ZDF-Sportstudio: Gezeigt werden ein paar mehr genauso unscharfe Zeitlupen, auf denen man viel sieht, nur kein Foul. Auch im ZDF wird die kaum erkennbare Situation umkreist, dazu auch das – sehr gute – Stellungsspiel des Schiedsrichters herausgestellt, der – neun Meter entfernt stehend – vermutlich den besten Blick von allen auf die Szene hatte. Da man im Zweiten aber besser sieht, ist sich der Reporter absolut sicher: „Das war ein klares Foul.“ Hier hätte der Referee unterbrechen müssen. Der Reporter sollte Schiedsrichter werden – bei solch unglaublich guten Augen…
• Sender Nr. 4, Sport1, Doppelpass: Auch hier wieder etliche Zeitlupen, Rückblenden und „Slow Motion“. Reporter und Talkrunde tendieren eher Richtung „kein Foul“ – und für den Schiedsrichter, der spontan und ohne „technische Hilfsmittel“ entschied, das Spiel weiterlaufen zu lassen.
Freuen wir uns also auf die Zeiten, wenn das erste Mal in unseren Fußballstadien „technische Hilfsmittel“ getestet werden, damit „professionell“ entschieden werden kann. Nur: Welche Kameraperspektive wählen wir dann – und welchen Sender?
Von Marco Haase
http://www.az-online.de/regionalsport/landkreis-uelzen/klare-ibisevic-foul-1527869.html