16. Spieltag, verschiedene Szenen
Gar nicht so einfach, bei den vielen umkämpften Partien des vergangenen Bundesliga-Wochenendes eine Szene auszuwählen: So gibt Referee Dr. Jochen Drees, der 41-jährige Arzt aus Münster-Sarmsheim bei Bingen am Rhein, im Spiel zwischen dem 1. FC Nürnberg und der TSG 1899 Hoffenheim (0:2) zwei völlig berechtigte rote Karten (einmal für die übertrieben harte, gesundheitsgefährdende Grätsche von Nürnbergs Chandler in der 43. Minute; dann in der Nachspielzeit ebenso richtig gegen Hoffenheims Compper wegen des „Vereitelns einer Torchance“ durch Foulspiel, wie es im Fachjargon heißt – im Volksmund auch schlicht „Notbremse“ genannt.
Und auch im umkämpften, schwer zu leitenden Südderby zwischen dem VfB Stuttgart und Bayern München (1:2) hat FIFA-Schiedsrichter Manuel Gräfe (Berlin) alle Hände voll zu tun. Aber der 38-jährige Sportwissenschaftler von Hertha 03 Zehlendorf und seine Teamkollegen (Markus Häcker, Bastian Dankert und der 4. Offizielle Tobias Welz) lassen sich von der aufgeheizten und phasenweise unsportlichen Atmosphäre in der Stuttgarter Mercedes-Benz-Arena überhaupt nicht beeinflussen und leiten genauso unparteiisch wie ausgezeichnet – und auch am Platzverweis (Gelb-Rot) gegen Stuttgarts Molinaro wegen wiederholter klar verwarnungswürdiger Foulspiele gibt es rein gar nichts zu deuteln (es sei denn, man hat die Vereinsbrille auf).
Kommen wir aber zu einer weiteren, interessanten Situation, und zwar in der Begegnung zwischen Hannover 96 und Bayer Leverkusen (0:0). Unparteiischer ist mit Peter Gagelmann ein „alter Hase“ im Geschäft, seit dem Jahr 2000 Erstliga-Schiedsrichter. Und auch wenn der 43-jährige Angestellte vom ATSV Sebaldsbrück, der bislang rund 160 Bundesligaspiele leitete und sogar schon in der südkoreanischen K-League und in Saudi-Arabien zum Einsatz kam, die jetzt folgende Szene aus leider nicht genau sieht und aus seiner Position auch schwer sehen kann – dass der Bremer Gagelmann und seine Assistenten Matthias Anklam und Sascha Thielert sowie Patrick Ittrich (4. Offizieller), alle drei DFB-Schiedsrichter vom Hamburger Fußball-Verband, eine insgesamt sehr gute Leistung zeigen und die Partie jederzeit im Griff haben, bleibt unbestritten.
In der 90. +2 Minute geht Leverkusens Kießling auf Linksaußenposition nach einem Zweikampf kurz vor der 96er Strafraumlinie zu Boden. Wohl fast jeder im Stadion denkt, dass Hannovers Haggui dem Bayer-Stürmer kurz Bein gestellt und dadurch zu Fall gebracht hat – also eigentlich klar: direkter Freistoß für Leverkusen am Tatort. Die Zeitlupe, die Peter Gagelmann nicht hat, bringt es ans Tageslicht: Es ist eine klare „Schwalbe“ im Winter, Kießling hat getäuscht. Zum Glück verfehlt der direkte Freistoß das Tor, wenn auch nur knapp. Nicht auszudenken, wenn nach Kießlings Unsportlichkeit auch noch das Siegtor gefallen wäre.
Aber wie hätte die Entscheidung fallen müssen, wenn der Schiedsrichter Kießlings Simulation ohne Zweifel erkannt hätte? Die Fußball-Regeln sind hier eindeutig: „Ein Spieler ist wegen unsportlichen Betragens zu verwarnen, wenn er versucht, den Schiedsrichter durch Simulieren eines angeblichen Fouls (Schwalbe) zu täuschen.“ Das hätte als so genannte „persönliche Strafe“ die gelbe Karte für Kießling zur Folge haben müssen. Fehlt noch die „Spielstrafe“, weil das Spiel ja wegen dieser Schwalbe hätte unterbrochen werden müssen: indirekter Freistoß für Hannover 96 am Tatort, also am Ort der Schwalbe.
Die Unparteiischen aller Spielklassen, auch bei uns auf Kreisebene, sind gehalten, solche Unsportlichkeiten kompromisslos zu ahnden – denn Schwalben und andere Täuschungen gehören nicht auf den Fußballplatz, die will niemand sehen, und „cool“ ist sowas schon gar nicht.
Sehr richtig, dass die meisten Kommentatoren in Hannover sofort den richtigen Verantwortlichen ausmachen und geißeln: Der Sünder ist Leverkusens Kießling, nicht etwa der gute Schiedsrichter. Reporter Wolf-Dieter Poschmann bringt es im ZDF richtig auf den Punkt: Die Schwalbe sei „eine Frechheit“ gewesen. Dem ist nichts hinzuzufügen.
Marco Haase