17. Spieltag: Abseits bei Freiburg – Dortmund

 

Uelzen/Freiburg. Wer schon mal als Schiedsrichter-Assistent aktiv war, weiß, dass es Situationen im Spiel gibt, die für den Linienrichter quasi „die Hölle“ sind. Zum Beispiel, wenn sich ein Zweikampf direkt an der Seitenlinie vor der Nase des Assistenten abspielt. Dann muss er nämlich auf mindestens fünf Dinge auf einmal achten: Gibt’s ein Foul? Soll ich dann winken oder lieber den Vorteil abwarten? Ist der Ball im Aus? Steht vorne jemand im Abseits? Wenn ja, greift er auch ins Spiel ein, wenn er den Ball erhalten sollte? Und das auch noch als Mann, wo Männer doch nur eine Sache auf einmal können.

Eine weitere, für jeden Assistenten in jeder Spielklasse schwierig zu erkennende Szene ist genau eine solche, wie sie sich in der 44. Minute im Spiel des SC Freiburg gegen Borussia Dortmund (1:4) ereignet: Wuseliger Zweikampf im Mittelfeld, viele Beine gehen zum Ball, vorn steht der Stürmer im Abseits – und dann prallt das Leder zum im Abseits stehenden Spieler Blaszczykowski. In solchen Situationen muss der Assistent ganz genau hinschauen und auch ein bisschen Glück haben, dass er – auch noch 30 Meter entfernt stehend – sieht, von wem der Ball gekommen ist.

Schiedsrichter-Assistent Michael Emmer aus Thurmansbang im Bayerischen Wald beweist insgesamt in den 90 Minuten von Freiburg, dass er Adleraugen hat und ein hervorragender Linienrichter ist. In der 44. Minute allerdings hat er Pech, und als Sportler ärgert er sich sicherlich noch heute am meisten über die Situation. Er sieht leider nicht, dass es Freiburgs Rosenthal ist, der den Ball zum ganz vorn allein in der Spitze stehenden Dortmunder Blaszczykowski spielt und dass kein Dortmunder mehr dran war. Also natürlich kein Abseits. Trotzdem hebt er die Fahne.

Und nun zeigt sich eindrucksvoll, warum es im Fußballsport gut ist, wenn immer mehrere Augen das Spiel beobachten. Schiedsrichter Günter Perl aus Pullach, der seit 2005 in der ersten Liga aktiv ist und jüngst sein 100. Bundesligaspiel leitete, bewertet die Szene richtig. Der 41-jährige Groß- und Außenhandelskaufmann vom MSV München sieht dank seines sehr guten Stellungsspiels, dass es ein Freiburger ist, der sich einen Fehlpass zum Dortmunder Stürmer leistet. Außerdem erkennt Perl, auch ohne Zeitlupe, dass zwischendurch kein Dortmunder mehr am Ball war, obwohl man in normaler Geschwindigkeit den Eindruck hätte haben können.

Und da die letzte Entscheidung immer beim Schiedsrichter liegt, überstimmt Perl seinen Assistenten und lässt völlig zu Recht weiterlaufen. Die Folgen sind bekannt: Blaszczykowski läuft mit dem Ball gen Freiburger Tor, passt zu Gündogan in der Mitte, und es steht 2:1 für den amtierenden deutschen Meister. Wieder ein schönes Beispiel dafür, dass man auch ohne die von vielen Seiten geforderten „technischen Hilfsmittel“ schwierige Szenen korrekt beurteilen kann.

Das Überstimmen geschieht im Übrigen exakt so, wie es vorgesehen ist: Der Referee gibt seinem Linienrichter ein kurzes, klares Zeichen, die Fahne wieder herunterzunehmen. In der Praxis machen dies die Unparteiischen natürlich nur, wenn sie zu 100 Prozent sicher sind, dass sie die Situation wirklich besser gesehen haben.

Dass die Freiburger trotzdem für einen kurzen Augenblick das Spielen einstellen und daher vielleicht den Bruchteil einer Sekunde zu spät kommen, sollte nicht dem Assistenten angelastet werden. Seit der Fußball erfunden wurde, beschwört jeder Trainer in jeder Spielklasse seine Akteure, solange weiterzukämpfen, bis der Schiedsrichter das Spiel durch Pfiff unterbricht. Denn: Abseits ist, wenn der Schiedsrichter pfeift.

Marco Haase

http://www.az-online.de/regionalsport/landkreis-uelzen/abseits-ist-wenn-schiedsrichter-pfeift-1535883.html

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